Archiv für den Monat: Dezember 2018

Systemisches Coaching mit Kindern – wie geht’s? (Vollversion zum Praxis Kommunikationsartikel)

Schön sieht sie aus: Die neue Ausgabe der Praxis Kommunikation 6/2018 und ich freue mich sehr, dass ich wieder die Möglichkeit hatte, meine Erfahrungen an andere weiter geben zu können. Die Zeilen flossen nur so aus meiner Hand heraus. Bei der Abgabe war die Chefredakteurin wahrscheinlich ziemlich entsetzt! Sie hatte mit 10.000 Zeichen gerechnet und es wurden etwas über 30.000… Im Heft finden Sie also die stark gekürzte Version und ich bin Frau Rachow sehr dankbar, dass ich hier noch zusätzlich meine ungekürzte und unredigierte Fassung veröffentlichen darf.

Es ist mein Wunsch, dass jeder, der mit Kindern arbeitet – oder welche hat – etwas für sich mitnehmen kann. Bei Fragen, gerne melden! Und jetzt: Viel Freude beim Lesen:

Systemisches Kindercoaching
Montag früh um 09.00 Uhr klingelt das Telefon und die Kundin sagt: „Tanja, wir drei bräuchten mal wieder einen Termin bei Dir“. Anrufe dieser Art bekomme ich häufiger, seit dem ich mir den Luxus erlaube, mit Familien wirklich „systemisch“ zu arbeiten. Denn die Prüfungsangst der Tochter ist all zu oft auch eine „vererbte Angst*“ von Mama. Da bringt es wenig, „nur“ mit der Tochter zu arbeiten, wenn sie wenige Minuten nach dem Coaching gleich wieder in ihr altes System zurückgeht. Und damit auch leider in Resonanz mit den Ängsten der Mama.

Klassische Aufgabenstellungen mit denen Klienten kommen

Nachdem die Coachingkosten nicht von der Krankenkasse übernommen werden, kommen die meisten Eltern erst dann mit ihren Kindern zu mir, wenn das Problem massive Auswirkungen hat. Zu mir kommen Kindern, die schon seit Wochen nicht mehr in die Schule gehen (… weil sie dort zum Beispiel gemobbt werden und verständlicherweise dort einfach nicht mehr hin wollen). Kinder, die seit Monaten nachts nicht gut schlafen können (…weil sie vielleicht Angst vor Einbrechern haben). Jugendliche, die nur noch Fünfen oder Sechsen schreiben (… weil sie zum Beispiel den Glaubenssatz haben „Ich bin zu doof“ oder vielleicht einfach nur unglücklich in eine Klassenkameradin verliebt sind). Zweijährige Kinder kommen zu mir, weil sie der Mama gesagt haben, dass sie nicht spüren, dass sie geliebt werden (… weil die Eltern aus Unkenntnis heraus die falsche Sprache der Liebe* verwendet haben). Mütter, die mit ihren eigenen Problemen ihre Kinder nicht länger belasten wollen und die von Anfang an einsehen, dass es eine gute Idee ist, nicht nur das Kind ins Coaching zu schicken. Oder auch Eltern, die ihre Trennung von Anfang an mit einem Coach begleiten lassen wollen, damit ihre Kinder so wenig Schaden wie möglich dabei nehmen.

Arbeit im und am Familiensystem

Die erste Hürde ist meist die Höchste: Wie schaffe ich es, dass alle Beteiligten auch mit mir als Coach zusammen arbeiten wollen? Ein nigerianisches Sprichwort sagt so schön:„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Für das systemische Coaching würde ich sagen, es reicht aus, wenn die wichtigsten Familienmitglieder bereit sind, gemeinsam für das Wohle des Kindes mitzuarbeiten. Und damit kommen schon zum ersten und häufigsten „Problem“:

Hürde 1:Ein Elternteil macht „nicht mit“.In gut 90% meiner bisherigen Erfahrung ist dies der Vater – aber es kann auch anders sein. In meiner Praxis wird mir sehr häufig die folgende Dynamik geschildert. Die Mutter erkennt die Dringlichkeit des Problems beim Kind und überredet den Vater, es doch einmal mit einem Coaching zu versuchen. Oft sind Männer noch nicht ganz so überzeugt von der Wirkungsweise und würden ihr Kind lieber zum Therapeuten schicken, den hier hat jemand schließlich zumindest etwas zu dem Thema studiert (und die Krankenasse übernimmt die Kosten). Hat die Mutter die richtigen Argumente auf der Hand oder vielleicht auch auf meiner Internetseite gefunden, gibt der Mann meist zähneknirschend das Budget frei oder die Mutter übernimmt dies von ihrem Geld, wenn sie das kann. Jetzt wird auch erwartet, dass man nach 1 – 2 Sitzungen ein „problemfreies Kind“ wieder vom Coach „zurück bekommt“. Der Vater selbst will in der Regel nicht all zu viel damit zu tun haben. Ist ja nicht sein Problem, wenn das Kind sich gerade nicht in die Schule traut.

Wie gesagt: Es ist nicht immer so – es gibt auch Väter, die hier ganz anders agieren oder auch Mütter, die das Coaching für ihr Kind nicht gut heißen. Egal von wo der Gegenwind kommt, gilt es hier die Segel richtig zu setzen. Wie ich dies in meiner Praxis heilsam löse, zeige ich gleich weiter unten im Text.

Hürde 2: Das Kind oder die Kinder:In vielen Familien habe ich die Chance, mit allen Kindern arbeiten zu dürfen. Und jedes Kind hat unterschiedlich Zeit und Lust, zu einem Coaching zu kommen. Gerade heute – wo doch das Wetter so schön ist und es lieber mit ihrer besten Freundin zum Eis essen gehen möchte. Gerade heute, wo es nach einem langen Schultag müde ist und lieber auf dem Sofa eine Runde Sims 4 spielen würde. Gerade heute, wo es selbst doch gar kein Problem hat und gar nicht versteht, weshalb Mama es hier hin „schleppt“.

Oft kommen die Eltern wegen eines größeren Problems bei einem der Kinder, aber die anderen Kinder „dürfen“ bzw. „müssen“ alle mit, damit diese auch ihre Themen gleich im Anschluss mit ansprechen können, wenn man schon mal da ist.
Vielleicht haben sie auch keine Lust, zu mir als Mensch zu gehen und haben im ersten Moment das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben. Diese Hürde ist erst mal keine gute Ausgangsposition für eine gute Zusammenarbeit, aber es gibt elegante Wege, sie zu meistern. Meine erfolgreichsten Schritte auf diesem Weg zeige ich Ihnen dazu auf.

Hürde 3: Es ist zu teuer:Ein guter Coach ist oft auch ein teurer Coach. Und nicht jede Familie kann sich 150 – 250 Euro die Stunde leisten. Aus diesem Grunde gehe ich zwei Wege. Zum einen habe ich die Coachingmethoden am Markt gesucht und gefunden, die sehr schnelle Erfolge bringen. So muss ein Kind mit Redeangst selten mehr als eine Stunde bei mir daran arbeiten. Zum anderen arbeite ich mit dem Robin-Hood-System: Ich nehme sehr gerne den vollen Satz von den Eltern, die wirklich entspannt dieses Geld auch ausgeben können. Denn ich weiß, dass meine Arbeit so viel Geld auch Wert ist. Damit kann ich mir leichter leisten, auch für weniger Geld die Familien zu unterstützen, die es sich sonst nicht leisten können. Ich biete auch an, den Betrag in Raten oder einfach deutlich später zu zahlen, wenn zum Beispiel eine Steuerrückzahlung in Aussicht steht. Bei mir gilt: „Ich komme, wenn ich es brauche und ich zahle dann, wenn ich es kann“. Somit ist diese Hürde schnell übersprungen. Kommen wir nun aber zu den anderen zwei Haupthürden.

Elegantes Hürdenspringen – So können Sie die Weichen für eine heilsame Zusammenarbeit mit der ganzen Familie stellen

Schritt 1 – Der erste Kontakt im Internet:Schon vor dem ersten Kontakt hat die ganze Familie eine gute Möglichkeit, sich ein authentisches Bild von mir und meiner Arbeit zu machen. Bevor die Familie bei mir in der Praxis bzw. in meinem Arbeits/wohnzimmer sitzt, erfahren die Eltern und Kinder schon, worauf sie sich bei der Zusammenarbeit mit mir einstellen können. Zu diesem Zwecke gibt es Filme von mir auf der Internetseite und echte Texte aus meiner Feder, die meine Persönlichkeit und Arbeitsweise passend beschreiben. So hat das Kind auch eine Chance vorher zu sagen, wenn es mich als Coach nicht möchte. Und die Eltern auch. Der Vater findet echte Referenzen von erfolgreichen Coachings und wissenschaftliche Informationen, die ihn beruhigen. Er erfährt hier schon transparent, mit welchen Kosten er rechnen kann und weshalb meine Arbeit so viel wert ist. Darüber hinaus erhalten die Eltern bereits hier schon Tipps, wie sie ihr Kind liebevoll auf den Besuch bei mir vorbereiten könnten. Wer sich dies als Inspiration durchlesen möchte, kann dies gerne unter dem folgenden Link tun: http://kleincoaching.de/angebote/coaching-fuer-jugendliche-in-bonn.

Schritt 2 –  Das erste Telefonat:Die Mutter (oder der Vater) ruft an und fragt nach einem Termin. Am Telefon schildere ich bereits, dass ich das Kind nur dann kennen lernen möchte, wenn auch alle Beteiligten bereit sind, bei Bedarf mit zu arbeiten. Ich schildere kurz den Effekt, dass Kinder am Modell lernen und so manche Angst einfach auch ursprünglich von Mama und Papa kommen könnte. Nur wenn hier ein gleiches Verständnis erkennbar ist, mache ich einen Termin für ein gemeinsames Vorgespräch mit den Eltern und dem Kind gemeinsam. Sollte nur ein Elternteil daran teilnehmen ist dies für mich völlig in Ordnung, solange die Bereitschaft besteht bei Bedarf ebenfalls zu kommen. Dieses Vorgehen dient auch meinem Selbstschutz, denn es ist für mich schwer auszuhalten, ein bezauberndes Kind kennen zu lernen und nicht wirklich vollständig etwas gegen das Problem tun zu können.
In einigen Fälle reichte die Arbeit mit einem Elternteil aus, um das problematische Verhalten beim Kind „verschwand“ überraschenderweise… (weil die schlimmen Erinnerungen der Geburt des Kindes von der Mutter verarbeitet wurden und die unterschwellige Wut auf das Kind damit auch verschwand).

Schritt 3 – Die erste Mail vor dem ersten Termin:Nach dem ersten Telefonat erhalten alle Klienten einen „Coaching-Starter-Brief“. In dieser Mail spreche ich auch das Kind direkt an und mache das Angebot, im Vorfeld gerne auch erst mal mich telefonisch kennen zu lernen. Bei kleineren Kindern empfehle ich den Eltern vorher den Film „Alles steht Kopf“ anzusehen. Das unterstützt die Arbeit mit dem Kind sehr, da wir so über ein gemeinsames „Vokabular“ verfügen und das Kind dann schon vorher weiß, dass es belastende „Kernerinnerungen“ gut auflösen kann. Darüber hinaus bitte ich die Eltern darum, wichtige Erlebnisse oder ihre Gedanken bezüglich des Coachingthemas vorab via Mail zuzusenden und bitte sie darum, mir die beliebtesten Süßigkeiten und Helden des Kindes vorher zu verraten.

Schritt 4 – Der erste persönliche Kontakt:
Bereits die Art wie ich die Tür öffne ist relevant! Ich achte darauf, dass ich diese nicht ruckhaft aufreiße, sondern ganz sanft öffne. Da unsere Haustür teilweise durchsichtig ist, bin ich mir darüber bewusst, dass die Familie mich schon vorher sieht und achte auf meinen Gang und Gesichtsausdruck. Lächelnd öffne ich die Türe und achte auf eine freundliche Begrüßung. Aus meiner Erfahrung heraus ist es hilfreich, bei Kindern den Aufmerksamkeitsfokus am Anfang nicht zu stark auf das Kind lenken. Ich verhalte mich freundlich, aber leicht distanziert und gebe dem Kind die Zeit, sich erst einmal ein Gefühl für mich als Coach und das Setting zu bekommen.

Schritt 5: Die Haltung – Kinder ernst nehmen:

Selbst kleine Kinder mögen es selten, wie Kinder behandelt zu werden. Auch bei dieser Zielgruppe gilt der Grundsatz: Arbeit auf Augenhöhe! Ein Kind spürt sofort, ob es für voll genommen wird, oder nicht. Deshalb verbiete ich mir eine „Babysprache“ und kommuniziere ganz normal mit ihnen. Auch die Kinder haben das Recht, mehr über die Coachingmethode zu erfahren und zu verstehen, weshalb sie eigentlich hier sind. Viele Kinder erfahren hier zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, so richtig „gesehen“ und vollkommen angenommen zu werden. Mit allen Stärken und Schwächen. Und auf dieser Grundlage ist eine gute Zusammenarbeit leichter möglich.

Meiner Erfahrung nach werden Kinder oft sehr unterschätzt. Sie kriegen so viel mehr mit, als Erwachsene oder oft auch die eigenen Eltern denken. So manches Mal höre ich von Eltern Sätze wie: „Wir wollen uns schon lange trennen, aber wir haben das den Kindern noch nicht gesagt“ verursachen mir oft ein leichtes Schmunzeln. Viele Kinder bemerken Eheprobleme schon vor Mama und Papa – und verhalten sich deshalb sehr auffällig! Für Kinder ist ein Trennungsszenario oft sehr bedrohlich und sie versuchen oft mit aller (Ohn)-Macht, dies zu verhindern. Deshalb plädiere ich auch bei den Eltern dazu, Kinder nicht anzulügen. Ein Kind muss die intimen Details die zur Trennung geführt haben, nicht wissen. Aber das Mama und Papa sich trennen und vor allem: Das dies nichts mit dem Kind zu tun hat! – sollte es unbedingt wissen und hören. Es gibt dem Kind ein Gefühl der Sicherheit, wenn es endlich versteht, was „hier los ist“ und man es über die nächsten Schritte informiert.

Schritt 6: Die Annäherung und der Vertrauensaufbau beim Kind:

Im Coachingraum sind wohlplatzierte „Icebreaker“ zu finden. Während ich mit den Eltern spreche, stellt das Kind freudig fest, dass auf dem Coachingtisch ja seine Lieblingssüßigkeiten stehen. Es findet magische Dinge im Raum wie eine in Harz gegossene Pusteblume und eine schwebende Blume (Elektromagnetisch). Das Kind darf sich den tollsten Stuhl aussuchen – und die meisten Kunden wählen hierfür den coolen Wackelstuhl „Swooper“ aus. Je nach Alter des Kindes stehen auch Kinderspielsachen unauffällig bereit und das Kind bekommt so nach und nach das Gefühl: Hier ist ein interessanter, guter Ort. Hier kann magisches Entstehen und vor allem: Meine Eltern vertrauen dieser Frau. Deshalb lasse ich das Kind am Anfang gerne in Ruhe erst mal spielen und spreche bewusst erst mal mehr mit den Eltern. Aber natürlich so, dass die Kinder ein paar für sie hilfreiche Informationen indirekt „Aufschnappen“ können.

Schritt 7: Die Annäherung und der Vertrauensaufbau bei den Eltern:

Im Vorgespräch nutze ich die Chance, beide Elternteile wissenschaftlich fundiert zu erklären, was genau ich tue und auf welchem Methoden dies basiert. Ich erläutere die passenden Studien und erkläre das Thema Spiegelneuronen ausführlich. Das dazugehörige Fachbuch von Prof. Dr. Joachim Bauer wird gezeigt. Alle Anwesenden dürfen spielerisch mal den Ringtest von Dr. Omura ausprobieren und bekommen auch für die Wirksamkeit dieses Testes die passenden Studien und Internetseite für mehr Informationen genannt. Ich erzähle von meiner Zusatzausbildung in pränataler Psychologie in der Schweiz und schaffe mit dieser Informationsvielfalt ein solides Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Nachdem „Probieren über Studieren“ geht, zeige ich direkt im Anschluss dem Vater den Ringtest von Dr. Omura und wir testen spielerisch, ob vielleicht die Angst des Sohnes sich im Unterricht zu Melden etwas mit seiner Redeangst im Job zu tun haben könnte… Ganz wichtig ist mir hierbei allen Beteiligten zu sagen, dass niemand „schuld“ daran ist, wenn man mit den Gefühlen anderer in Resonanz geht, sondern dies ist ein ganz normaler Überlebensmechanismus, der ab und zu nicht ideal funktioniert.

Schritt 8: Das Kind zur Mitarbeit animieren:
Bis hierhin konnte das Kind in Ruhe spielen oder einfach nur zuhören. Spätestens ab der Demonstration des Ringtestes von Dr. Omura will das Kind selbst einmal ausprobieren, ob das auch bei ihm geht. Je nach Alter des Kindes erkläre ich auch hier noch mal passend das Thema Spiegelneuronale Übernahme von Emotionen. Ich erkläre, dass man sich auch manchmal mit Gefühlen „anstecken“ kann. Genau wie mit Bakterien. Und wenn man sich in der Nähe eines mit einer bestimmten Angst „erkrankten“ Menschen aufhält, es gut sein, dass man sich da einfach mit dessen Angst anstecken kann. Ich erkläre dem Kind, dass man tolle (Abgrenzungs)Übungen machen kann, um seine Immunabwehr zu stärken und das es hilft, wenn auch die Person mit der Angst etwas für sich macht, um die Angst zu lösen. Dafür erkläre ich (kindgerecht) verschiedenen Wege, wie wir die belastenden Gefühle „wegzaubern“ können. Dafür nehme ich z.B. bei Mädchen im Alter von unter 7 Jahren gerne meinen bunten Zauberstab zu Hilfe.

Ich mache mit allen Beteiligten aus, dass es okay ist die Privatsphäre des Kindes zu achten. Alles bleibt vertraulich, es sei denn es gefährdet sich selbst oder andere. Es wird vereinbart, dass ich nur die Dinge erzähle, die auf dem „Sprachregelungszettel“, stehen. Und dies darf das Kind entscheiden!

Schritt 9: Das geeignete Coaching-Setting für die systemische Arbeit:
In bisher 100% aller Fälle, wollte das Kind bzw. die Kinder direkt im Anschluss mit mir arbeiten. Je nach Alter des Kindes schicke ich die Eltern in Rufnähe oder in ein Café um die Ecke. Oft mit einer passend gewählten Coachinglektüre für die Wartezeit, wenn mir im Vorgespräch direkt ein Impuls einfällt.
Falls das Kind nicht mit mir alleine im Coachingraum sein möchte, darf die Mutter oder der Vater mit Kopfhörern auf den Ohren Musik auf dem Sofa hören, damit wir trotzdem ungestört bei der Arbeit dabei sind und das Kind das Gefühl hat, es kann alles sagen.

Bevor wir so richtig anfangen, kann das Kind sich aussuchen, wo es sich am Wohlsten fühlt, während des Coachings. Dabei ist alles okay, egal ob es sich einen Platz in der Hängematte, im Garten, auf dem Sofa oder unter dem Tisch Jaussucht. Dann frage ich das Kind, was denn eigentlich sein Wunsch für das Coaching ist, wenn wir „heute hier so ein bisschen zaubern könnten“. Sehr oft wird hier das eigentliche Thema gekannt, was hinter dem „Problemverhalten“ steckt. Ich gebe dem Kind noch einmal ausdrücklich die Freiheit, jederzeit zu entscheiden, doch nicht mit mir oder an dem jeweiligen Themen arbeiten zu müssen.

Viele Themen sind großen wie kleinen Menschen sehr peinlich. Hier erleichtert es die Arbeit sehr, dem Kind so viel Privatsphäre wie möglich zu geben: Während das Kind die schöne EMDR-Musik von Walter Friedrich hört, darf es sich auf dem Swopper oder der Sitzhängematte so „wegdrehen“, dass ich es dabei nicht ansehen kann. Dank des Ringtestes habe ich auch die Chance, viele Themen „verdeckt“ zu bearbeiten und muss gar nicht so viele Informationen vom Kind erzählen lassen. Dies ist ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor in meiner Arbeit.

Schritt 10: Die passende Coachingmethode auswählen:

Kinder sind für alle Coachingmethoden offen – wenn man ihnen diese passend erklärt. Ich persönlich nutze am liebsten Intervention mit dem EMDR-Effekt.Diese Abkürzung steht für Eye movement desensitization and reprocessing. Hierbei setzen wir bewusste lins-rechts Impulse, um einen bilateralen Hemisphärenausgleich im Gehirn auszulösen. Dabei wird unter anderem das Neurohormon Acetylcholinim Körper ausgeschüttet, was zu einer schnellen Entspannung des Coachingthemas führt. Immer wieder erstaunt es mich, dass selbst schlimme Erlebnisse innerhalb von Minuten verarbeitet werden und sofort ein Lächeln auf das Gesicht des Kindes zaubern.

Hier eine kleine Auswahl, wie man mit großen und kleinen Klienten den EMDR-Effekt auslösen kann:

– Ich nutze am liebsten die speziell für unser Projekt komponierte EMDR-Musik von Walter Friedrich, die das Kind mit Kopfhörern anhört, während es an das belastende Ereignis denkt.

– Das Kind selbst oder ich als Coach kann abwechselnd auf die Schultern oder Knie tappen.

– Das Kind darf links und rechts abwechselnd auf meine Handflächen „hauen“.

– Ich kann vor den Augen des Kindes Winken – entweder nur mit den Fingern, oder einem Fingerpüppchen darauf oder gar einen Zauberstab

– Das Kind darf das GlücksBoard nutzen und damit ganzkörperlich den EMDR-Effekt auslösen:

– Das Kind darf die coole „EMDR-Brille“ aufsetzen und während die blauen LEDs abwechselnd blinken, an das Thema denken.

Ich nutze auch gerne einen Mix aus Gestalttherapie und EMDR. So malt das Kind ein belastendes Bild während es gleichzeitig noch EMDR-Musik mit dem Kopfhörer hört.

Auch klassische NLP-Formate wie zum Beispiel die Arbeit mit inneren Bildern und das Verändern von Submodalitäten, kommt bei Kindern gut an. So wächst der Angst einflößenden Englischlehrerin plötzlich ein Einhorn auf der Stirn und alles was sie sagt ist in rosafarbenen Seifenblasen gehüllt. Oder das Kind geht ab jetzt mit geheimen Supermann-Kräften ins Klassenzimmer hinein.

Schritt 11: Das Kind bei Laune halten und Sicherheit gewährleisten

Große Kunden sehen leichter ein, wenn man innerhalb des Coachingprozesses auch einmal durch „unangenehmere Minuten“ durch muss. Erwachsene verstehen leichter die Notwendigkeit, ein Coachingthema wirklich zu Ende bringen zu müssen. Mit Kindern zu coachen ist für mich so, wie früher bei der Telekom ein Projekt zu leiten. Die Teammitglieder müssen nicht wirklich deine Wünsche und delegierten Aufgaben umsetzen. Sie haben auch noch einen andern Job (Spielen!) und einen anderen Chef (Eltern). Deshalb ist es für ein gutes Coachingergebnis wichtig, dass das Kind Spaß dabei hat und einen Vorteil dieser Arbeit für sich spüren kann. Deshalb sage ich den Kindern auch, dass man hier Dinge erfährt, die ja eigentlich so etwas „wie Geheimwissen von Erwachsenen“ ist. Das dieses Techniken normalerweise nur Topsportler und Manager gezeigt bekommen.

Aus diesem Grund achte ich sehr darauf, nur so lange zu arbeiten, wie das Kind auch Lust hat. Zwischen drin ermögliche ich immer wieder „Spiel“-Pausen. Oft sind diese sogar der Inhalt des eigentlichen Coachings. Manchmal dürfen die Kinder mit der Müllabfuhr meines Sohnes spielen. Dabei dürfen sie dann „alles was Papa eigentlich so auf der Arbeit stresst“ in Form von Murmeln erst mal in den Mülleimer laut reinschmeißen und dann mit Getöse ins Müllauto entleeren. Im Anschluss darf dieser Müll und ganz weit weg abtransportiert werden.

Ich achte darauf, ob das Kind Hunger hat und schmiere bei Bedarf ein Butterbrot und achte auf eine abwechslungsreiche Coachingsitzung. Je nach Kind und Thema wird gemalt, in Kissen geboxt, die Redeangst mit dem GlücksBoard „weggekugelt“ oder eine systemische Familienaufstellungen mit Stofftieren vorgenommen:

Zudem erlebt das Kind, dass es gar nicht so viel erzählen muss und belastende Themen innerhalb von Minuten sich leicht anfühlen. Das führt oft dazu, dass die Kinder nach dem eigentlichen Coachingthema von sich aus noch andere Dinge ansprechen, die sie auch noch gerne „wegzaubern“ möchten. Die Eltern haben dann oft eher das „Problem“, dass ihr Kind viel öfter zu mir möchte, als sie es zahlen können oder wollen :-).

Achtung: Sonderfall Suizidgefahr!
Die Zahlen sind erschreckend. Selbsttötung ist in Deutschland nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache junger Menschen zwischen 15 und 20 Jahren.

Von daher ist es sehr wichtig, hier immer hellhörig zu werden, wenn Kinder erzählen, dass sie manchmal gar nicht wissen, was das alles noch soll oder eine Freundin erzählt hat, dass sie sich umbringen will. Oft ist hier noch der Irrglaube verbreitet, dass man das Thema Selbstmord lieber erst gar nicht anspricht, um das Kind nicht „auf falsche Ideen“ zu  bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Das offene Ansprechen gibt ein Gefühl der Ent-Lastung. Das Kind hat die Chance darüber zu reden und damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Ausweg gewählt wird. Das gleiche gilt hier auch für Erwachsene!

Für meine amtsärztliche Überprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie wurde ich auf diese Fälle gut vorbereitet und ich kann jedem Coach nur empfehlen, diese Prüfung abzulegen. In den letzten 11 Jahren meiner Selbstständigkeit habe ich in gut fünf Fällen hier Interventieren müssen. Im Verdachtsfall müssen die Eltern sofort informiert werden und die nächsten Schritte gemeinsam besprochen werden. So wird im Ernstfall der Sozialpsychatrische Dienst (abgekürzt SPD) eingeschaltet oder die Eltern fahren im Anschluss direkt zu einer psychiatrischen Notfallambulanz. Ist bei der SPD niemand erreichbar oder das Kind bzw. der Jugendliche ist nicht bereit dort hinzufahren, ist in letzter Instanz die 112 anrufen. Diese Maßnahmen sind extrem belastend für das Kind und sollten wirklich nur im absoluten Notfall ergriffen werden.

Systemische Verstrickungen
Meiner Einschätzung nach war in gut 30% der mir bekannten Fälle der  Suizid“wunsch“ gar nicht der eigene! Oft kommt dieser vermeindliche Ausweg  spiegelneuronal beim Kind an! Zum Beispiel von einem depressiven Elternteil oder der besten Freundin, die psychisch erkrankt ist! Für Kinder – und auch oft für Erwachsene  – ist es unglaublich schwer, diese Verstrickung zu erkennen oder gar alleine aufzulösen.

In seltenen Fällen sind psychisch erkrankte Elternteile so verzweifelt, dass sie sich selbst das Leben nehmen wollen und in ihrer eingeschränkten Sichtweise denken, dass es für die Kinder besser ist, wenn sie sie „mitnehmen“.Bei diesem Verdacht muss sofort reagiert werden! Bestimmte Äußerungen des Kindes können darauf hindeuten. Im schlimmsten Fall muss noch innerhalb der Sitzung das Kind/die Kinder in Sicherheit gebracht werden. Auch hier ist der SPD bzw. die 112 anrufen das Mittel der Wahl. Damit es erst gar nicht so weit kommt, ist mir der folgende Punkt als Prävention sehr wichtig.

 Schritt 12: Hilfe zur Selbsthilfe:

Ich halte es im Coaching mit dem Leitsatz von Maria Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Deshalb zeige ich allen Klienten am Ende der ersten Sitzung, wie man sich Selbst gut helfen kann und gebe die Tipps in gedruckter Form mit.

Einer meiner ersten Kinderklientinnen war gerade mal zwei Jahre alt, als ich ihr die „Butterfly-Methode“ gegen ihre Ängste zeigte. Dabei umarmt sich das Kind selbst und tappt sich abwechselnd links und rechts so lange auf den Oberarm, bis das unangenehme Gefühl weg geht. Keine zwei Tage nachdem ich diese Technik dem Mädchen gezeigt hatte, erlebte es einen Alptraum. Sie wachte schreiend auf und rief dann zu ihrer Mama: „Du musst nicht kommen, ich mach´ das alleine weg!“.

Dieses Mädchen habe ich einige Jahre später wieder getroffen und sie sah mich an und sagte: „Ach du warst das damals, die mir das beigebracht hat? Das mache ich  heute immer noch, wenn ich ängstlich bin“. Welchen besseren Schatz können wir unseren und anderen Kindern mitgeben, als die Chance, sich selbst zu helfen – in den Fällen, wo es auch geht?! Über die Wirkungsweise und Bedeutung der Selbstwirksamkeit ist mittlerweile genügend bekannt und so manche Panikattacke meiner Klientinnen kam erst gar nicht, weil das (Selbst)bewusstsein da war, „ich krieg das alleine hin“.

Innerhalb des Coachings zeige ich deshalb viele Wege auf, wie man sich selbst gut helfen kann und gebe diese Tipps auch in einem 11seitigen Handout mit. Nachdem ich oft erlebe, dass diese Tipps in Vergessenheit geraten oder im Bedarfsfall man nicht darauf kommt, sich selbst helfen zu können, habe ich einen weiteren Weg dafür gewählt. Gemeinsam mit Dr. Judith Hoffrichter und dem Junfermann-Verlag als Sponsoren –  haben wir das Projekt „Coach dein Glück“ ins Leben gerufen. Hierfür werden hochwirksamste Selbstcoachingtools in eine „Coach dein Glück“-Box gepackt und an Kunden weiter gegeben. Diese Tools sehen schön aus und stehen immer griffbereit auf meinem Schreibtischen herum und erinnern mich stetig daran, dass ich auch in stressigen Situationen etwas für mich tun kann. Diese Idee fand mittlerweile so viele Unterstützer und über 15 GlücksCoaches, die diese Tipps in die Welt tragen. Wir zeigen diese wertvollen Selbstcoachingtools in Kindergärten, Schulen und Altenheimen und gebe das Wissen in Form von Vorträgen und Workshops weiter. Mehr Informationen finden Sie dazu hier: www.CoachDeinGlück.de

 Schritt 13: Der gelungene Abschluss:

Jedes Kind erhält auf Wunsch eine eigene „Coach dein Glück“-Box und ein kleines Dankeschön für das tolle Mitmachen. Das kann ein personalisiertes Lob-Kärtchen sein, ein Edelstein oder die passende Playmobilfigur von der Aufstellung. Ich überreiche eine persönliche Visitenkarte von mir und biete an, sich bei Fragen direkt zu melden. Viele Kinder nutzen dafür heute gerne WhatsApp.

Wir sagen den Eltern bescheid und besprechen dann mit diesen gemeinsam nur die Punkte, die ich auch erwähnen darf. Wir legen fest, ob und wann wir weiter gemeinsam Arbeiten und welcher Teil der Familie als Nächstes jetzt oder bei einem anderen Termin kommen sollte. Zeigt sich zum Beispiel via Ringtest eine Angst des Vaters, die das Kind aus versehen übernommen hat, macht es Sinn, dass auch er diese Angst sich lösen lässt. Sonst spielt die Famlie das „Emotions-Ping-pong“. Für das Kind ist es sehr wichtig zu sehen, dass Papa auch für seine Gefühle sorgt – und kann so noch leichter die Fremdgefühle loslassen.

Bevor wir uns verabschieden, bereite ich die Eltern darauf vor, dass die Inhalte des Coachings in ihrem Kind vielleicht noch ein bis zwei Tage lang „nachglühen“ könnten. Ich erkläre ihnen genau, was in den nächsten Tagen für ihr Kind hilfreich ist und gebe auch hier eine Visitenkarte weiter mit der Möglichkeit, sich bei Fragen an mich wenden zu können und bitte darum, eine „Nachberichterstattung“ der Coachingfolgen weiter zu geben. So erhalte ich oft Fotos von glücklichen Kindern, handgeschriebene Postkarten der kleinen Klienten oder Sprachnachrichten von begeisterten Eltern. Und so macht deren Glück auch mich jeden Tag aufs Neue glücklich.

Aufruf und Dank:
Es gibt auf der Welt viel zu viele Kinder, die ein Coaching gut gebrauchen könnten.
Es gibt auf der Welt viel zu wenige Kinder, die wissen, wie man sich mit Hilfe von Selbstcoachingmethoden besser mit schwierigen Situationen umgehen kann.
Jedes „Hänschen“, das von klein auf sabotierende Glaubenssätze wie „Ich bin hässlich/schlecht/dumm“ gelöst bekommt, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit auch später mal ein „Hans“ werden können, der liebevoller mit sich, seinen Mitarbeitern, seiner Familie und der Welt umgehen kann.
Es gibt auf der Welt viel zu wenige Coaches, die sich trauen, mit Kindern zu arbeiten.
Es gibt auf der Welt noch zu wenige Kinder-Coachausbilder, die dies beibringen können. Ich bin meiner Lehrmeisterin Gerda Ehrlich unendlich dankbar, dass ich von ihr lernen durfte.

Aus diesem Grunde habe ich ein mit Dr. Judith Hoffrichter und dem Junfermann-Verlag als Sponsoren – das Projekt „Coach dein Glück“ gestartet. In diesem Projekt geben schon jetzt über 20 GlücksCoaches aus zwei Ländern das Wissen weiter, wie große und kleinen Menschen gut sich gut selbst helfen können.

Für alle Coachkollegen, die sich uns anschließen wollen: Bitte meldet euch gerne bei mir (mail@kleincoaching.de). Wir sind noch viel zu wenige! Danke!

*Mehr Informationen zu diesem Phänomen finden Sie in der Praxis Kommunikation-Ausgabe 02/2018 im Artikel: „Die Angst und ihre Geschichte“:  http://kleincoaching.de/wp-content/uploads/2018/06/PK-2-18-TanjaKlein-Ängste.pdf

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